HanseMerkur Kinderschutz-Preis

Die Auszeichnungen für außergewöhnliches Engagement in diesem Bereich wurden zum 36. Mal vergeben – und doch ist der Preis so erfrischend jung geblieben

Eberhard Sautter, Vorstandsvorsitzender der HanseMerkur (vierter v.l.), und Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes (zweiter v.l.), mit Vertretern der Preisträger für das Jahr 2016: NCL-Stiftung (Hamburg), Deutsche Gehörlosen-Jugend e.V. in Berlin , KonTEXT Leseprojekt München und Kinder- und Jugendhospiz Balthasar in Olpe

Die Vorfreude war ebenso groß wie die Spannung. Denn als die rund 500 geladenen Gäste das wie immer wunderbar hergerichtete, von der Sonne erhellte Atrium des HanseMerkur-Hauptgebäudes betraten, drehten sich die Gesprächsthemen genau darum: Wer wird Preisträger bei der diesjährigen Vergabe des
HanseMerkur Preises für Kinderschutz 2016 und was haben sich die Verantwortlichen des Hamburger Traditionsversicherers in diesem Jahr wieder für den Festakt und die After-Party einfallen lassen? 

Die diesjährige Schirmherrin Edina Müller, mehrfache Medailengewinnerin der Paralympics

Ein besonderes Highlight gleich zu Beginn: Die Schirmherrschaft übernahm diesmal Edina Müller, mehrfache Medaillengewinnerin bei den Paralympics in Peking und Rio de Janeiro sowie mehrfache Welt- und Europameisterin. Und dies in so unterschiedlichen Sportarten wie Rollstuhlbasketball und Parakanu.

Durch das bunte und unterhaltsame aber auch emotionale und berührende Programm führte wie all die Jahre Heinz-Gerhard Wilkens. Der Leiter der Unternehmenskommunikation verstand es ausgezeichnet, stets die passenden Worte zu finden und konnte ebenso mit intelligentem Wortwitz, Scharfsinn und viel Empathie berühren, fesseln und unterhalten. So manches TV-Gesicht dürfte bei ihm einmal in die Schule gehen, um gleiches Niveau zu erreichen.

Eberhard Sautter, Vorstandsvorsitzender
der HanseMerkur Versicherungsgruppe

Den Auftakt an Worten machte Eberhard Sautter. Der Vorstandsvorsitzzende der HanseMerkur
Versicherungsgruppe beschrieb den Weg des Kinderschutzpreises, der 1980 seinen Ursprung fand. „Als verantwortungsvolles Unternehmen schaffen wir seither soziales Kapital und bringen über das Motto unserer Auszeichnung für die jüngsten Mitglieder der Gesellschaft zum Ausdruck, dass es uns um ein nachhaltiges Engagement geht. Denn Sorge für Kinder ist Vorsorge für die Zukunft …!“

Eberhard Sautter betonte, dass wir in Hamburg in einer sehr reichen Stadt wohnen – in der aber zugleich jedes fünfte Kind in Armut lebt. Ein Zustand, der nicht akzeptabel sei, den man in aller Deutlichkeit beim Namen nennen und aktiv bekämpfen müsse. Für den Vorstandsvorsitzenden stellt soziales Engagement in einer modernen Unternehmenskultur sogar eine regelrechte Win-win-Situation dar. Denn es stiftet einerseits Nutzen, trägt zugleich zur Imageprofilierung bei und gewinnt sogar zusätzlich Bedeutung bei der Wettbewerbsrelevanz. „Bei der HanseMerkur ist das Eintreten für die Rechte und Anliegen von Kindern und Familien zentral verankert in der Unternehmens- sowie in der Markenstrategie, deren Slogan und zugleich Leitmotiv ,Hand-in-Hand‘ ist …!“

Da schließt sich der Kreis aus Anspruch, Theorie und Realität. Denn Worte allein reichen nicht aus – Taten müssen her. Und genau das ist der Kinderschutzpreis – eine aktive, wertvolle Tat.

Die Maskottchen des
Kinderschutzpreises

Schirmherrin Edina Müller fand im Anschluss an die Begrüßung von Eberhard Sautter sehr treffende Worte. Als junge Frau, die seit ihrem 16. Lebensjahr aufgrund einer Querschnittslähmung an den Rollstuhl gefesselt ist, liegt ihr vor allem das Thema Inklusion am Herzen. „Mich beeindruckt ganz besonders, dass der HanseMerkur Preis für Kinderschutz immer wieder inklusive Projekte in den Fokus gerückt hat. Und dies lange bevor das Thema gesellschaftlich breiter diskutiert wurde. Ein symbolischer Ausdruck dessen mag sein, dass ich in den 36 Jahren, die es diesen Preis nun gibt, die erste Schirmherrin bin, die im Rollstuhl sitzt!“

Edina Müller betonte, dass ein Leben im Rollstuhl immer erst mit einer Tragödie beginnt. „Klar, mein Leben wäre anders verlaufen, wenn ich nicht gelähmt wäre. Aber bestimmt nicht glücklicher oder

Eva Luise Köhler engagiert sich stark für Betroffende von seltenen Krankheiten, damit auch ihnen geholfen wird

unglücklicher!“ Und noch eine Aussage gab Sie dem Publikum mit in den Abend: „Selbstmitleid ist der falsche Weg“, so die mehrfache Medaillengewinnerin. Eine Erkenntnis, die nicht nur für behinderte Menschen zutrifft!

Edina Müller brachte ihren Respekt für die Preisträger zum Ausdruck. „Der Kinderschutzpreis 2016 unterstreicht einen meiner Lieblingssätze: ,Alle sagten, ,das geht nicht‘. Dann kam einer, der wusste das nicht und hat es einfach gemacht!’“

Ja, da ist wirklich so viel Wahres dran und es steckt zugleich so viel  Motivation in diesen Worten. Kraft durch das eigene Tun und die eigene Initiative finden – anstatt Hilflosigkeit durch Pessimismus.

Rockten das Event: Gospel Train

Mit dabei bei diesem Festakt war auch wieder Gospel Train, der einzigartige Chor der Goethe-Schule aus Hamburg-Harburg, der das musikalische Rahmenprogramm gestaltete. Wunderbare Stimmen, großartige Arragements und ein unbeschreiblicher Zauber, den diese jungen Menschen verbreiten. Gleich zu Beginn der Preisverleihung zogen sie singend in das Atrium ein, enterten mit dem Song „Du machst den Unterschied“ die Bühne, brachten dann Schwung mit „Shackles“ in den Saal, um bei ihrem zweiten Auftritt mit den Liedern „Goodbye Sailor“ und „Photograph“ zu begeistern.

Es folgte ein Film über den Hauptpreisträger, in dem das Projekt „KonTEXT“ vorgestellt wurde. Die anschließende Laudation hielt Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB) e.V. Er machte klar, dass Kinderschutz auch stets eine Frage der Demut sei, die man immer wieder zurückgewinnen sollte.

Marlene Bayer (2.v.l.) sagte in Gebärdensprache danke für den Preis

Im Anschluss daran erfolgte die Preis- und Urkundenübergabe auch an die drei Anerkennungspreisträger – die Deutsche Gehörlosen-Jugend e.V., Berlin, die Hamburger NCL-Stiftung und das Kinder- und Jugendhospiz Balthasar in Olpe, die eine Videobotschaft der Mitarbeiter und Hospitzgäste mitbrachten, die mehr als unter die Haut ging und Herz und Seele berührte.

Das tat auch Dr. Frank Husemann, der im Namen aller Preisträger seinen Dank aussprach. Sein Sohn leidet an NCL – einfach erklärt, ist dies eine Art Kinderdemenz. Eine Krankheit, gegen die es bis heute keine wirksame Medizin gibt. Und dies vor allem, weil „nur“ rund 700 Patienten in Deutschland betroffen sind,
was wiederum für die Pharmaindustrie keinen wirtschaftlichen Anreiz bietet. Gesundheit ist heute auch eine Frage des finanziellen Gewinns – leider. „Wir alle hier haben heute einen Preis bekommen, für unser Engagement, für unseren Einsatz von Zeit, von Kraft, nachdem uns ein Schicksalschlag getroffen hat. Wir werden dabei konfrontiert mit Dingen wie Krankheit, Leiden, Sorgen, Nöte, Tod. Und dies berührt ebenso die Betroffenden wie auch deren Familien und deren soziale Umfelder.

Wenn es keine Initiativen gibt, wenn es keine Eigenengagements gibt, wenn wir oftmals nicht selber mehr Dinge in die Hand nehmen, voranbringen und uns einsetzen, sind wir anderen ausgeliefert. Jeder von uns kann helfen, kann unterstützen, kann sich einbringen und somit dazu beitragen, dass Dinge vorankommen, dass etwas bewirkt wird. Gerade diese Hilfe, diese Unterstützung brauchen alle, die heute hier stehen und einen Preis erhalten haben. Daher auch mein Dank an die HanseMerkur. Das alles hilft, den Weg zu gehen, den wir Preisträger gehen müssen, den auch ich gehen muss – zusammen mit meinem Sohn, den ich nur noch beim Sterben begleiten kann.

Anna Warler, Dolmetscherin der Gebärdensprache

Neu bei der diesjährigen Preisvergabe war, dass Gebärdendolmetscherinnen alles Gesprochene für Gehörlose übersetzten. So hatte auch Marlene Bayer, die den Preis für die Deutsche Gehörlosen-Jugend e.V., Berlin entgegennahm, die Chance, sich zu bedanken. Und zwar indem ihre Gebärden von Anne Warler in gesprochene Worte übersetzt wurden.

Ein weiteres Stimmungs-Highlight war „Robeat“, der mit echtem Namen Robert Wolf heißt. Der Stuttgarter ist Europameister im Beatboxen und brachte durch die Kraft seiner Stimme, Lippen und Nase den Saal zum Toben. Und noch eines

Beatbox-Europameister Robeat aus Stuttgart

schaffte er: Heinz-Gerhard Wilkens wurde plötzlich mit seiner Hilfe zum echten Rapper. Tosender Applaus war garantiert – ebenso für die groovige Show von Gospel Train und den Songs der Jazzband Markus Baltensperger, die im Garten anschließend pures Summerfeeling verbreiteten. Bei Flying

Fingerfood, coolen Drinks, einem unglaublich netten Servicepersonal und ausreichend Sonnenschein swingte so mancher lässig in den Abend.

Jazzband Markus Baltensperger feat. Kurt Buschmann

Und wenn auch bei Ihnen mal der Gedanke aufkommt, dass etwas nicht geht, dann denken Sie ruhig an die Worte von Edina Müller: „Dann kam einer, der wusste das nicht und hat es einfach gemacht.

DIE PREISTRÄGER STELLEN SICH VOR:

Hauptpreis: Hochschule München, Fakultät für angewandte  Sozialwissenschaften – „KonTEXT Leseprojekt“

Ganz im Sinne Franz Kafkas, „ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“, bieten rund 50 Studierende der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule München seit 2010 straffälligen Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 21 Jahren über diverse Projektangebote Begegnungen mit Literatur, um Denkanstöße und Reflexionsprozesse zu initiieren. Das KonTEXT Leseprojekt wird von den Studenten ehrenamtlich begleitet und auch an den Jugendarrestanstalten München und Landshut sowie in der U-Haft-Abteilung der Justizvollzugsanstalt München angeboten. Über 2.000 Betroffene haben bislang an den Maßnahmen teilgenommen, die von der niedrigschwelligen Leseweisung als Erziehungsmaßnahme in der Hochschule über Lesegruppen im Jugendarrest bis zu einem speziellen Schulschwänzerprogramm zur Verkürzung der Haftzeit reichen.

Alle Angebote dienen nicht nur dazu, das Selbstwertgefühl der Jugendlichen mit wertschätzendem Umgang zu stärken. Sie leisten auch einen Beitrag zur sozialen Integration und Bildung einer Gruppe von oftmals besonders benachteiligten jungen Menschen: Jugendliche mit psychischen und Aggressions-Problemen, Erfahrungen mit massivem Drogenkonsum, Gewalt, dem Verlust wichtiger Bezugspersonen, mit Selbstverletzungen, Essstörungen und Depressionen. Dass die systematischen Maßnahmen, entwickelt zwischen der Bayerischen Justiz und KonTEXT, fruchten, spiegeln Rückmeldungen der Teilnehmer wider: „Wenn man mehr Kinder in so eine Maßnahme stecken würde und nicht in Arrest. Dann würden ihre Augen durch die Geschichten aufgemacht.“

Anerkennungspreis: Deutsche Gehörlosen-Jugend e.V.
„Feriencamp für taube und schwerhörige Kinder“

In Deutschland leben 80.000 taube Menschen, 16.000 von ihnen sind Kinder. Nicht selten sind sie sozial isoliert und leiden an einer Vielzahl psychosozialer Probleme. Nur etwa 10 Prozent von ihnen werden in der Gebärdensprache unterrichtet, die auch nur wenige Eltern tauber Kinder beherrschen. Daher erleben sie tagtäglich eine Kommunikation, die von Ausschluss, verpassten Chancen und Unverständnis geprägt ist. Als Interessenvertretung für taube und schwerhörige Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis zum 27. Lebensjahr macht die Deutsche Gehörlosen-Jugend e.V. mit Sitz in Berlin einen breiten Strauß an Angeboten. Dazu zählen seit 2001 auch Feriencamps, in denen ausschließlich in der Deutschen Gebärdensprache kommuniziert wird. Diese Freizeiten leisten nicht nur einen wichtigen Beitrag für die Persönlichkeits- und Sprachentwicklung der jungen Menschen, sondern vermitteln ihnen auch Freude an ihrer eigenen Kultur und das Bewusstsein, ein wichtiger Teil der Gesellschaft zu sein. Sie geben jungen tauben Menschen Kraft und vermitteln ihnen, dass sie trotz ihrer Hörschädigung starke, selbstbewusste und sozialkompetente Menschen sein können, die für sich und andere einstehen.

Anerkennungspreis: Kinder- und Jugendhospiz Balthasar
OLPE

 In Deutschland gibt es 14 Kinderhospize. Das Kinder- und Jugendhospiz Balthasar im sauerländischen Olpe, gegründet 1998, ist die älteste Einrich-tung dieser Art. Zwölf unheilbar erkrankte Kinder und Jugendliche mit ver-kürzter Lebenserwartung werden rund um die Uhr von einem erfahrenen Team aus Krankenpflege und Pädagogik betreut, während Eltern und Ge-schwister im Hospiz für bis zu 28 Tage im Jahr einmal zur Ruhe und zu ge-meinsamen Aktivitäten kommen, was im Alltag wegen der Pflegesituation nicht möglich ist. So sind mit den jungen Patienten, die hier liebevoll „Gäste“ heißen, und ihren Begleitern ständig 40 bis 50 Personen in Olpe unterge-bracht. Über 700 Familien wurden bislang schon begleitet und im Sinne des Balthasar-Mottos betreut: „Wir können dem Leben nicht mehr Tage, aber den Tagen mehr Leben geben.“ Auch für einen würdigen Abschied sind alle Vorkehrungen getroffen. Ausgebildete Trauerbegleiter stehen den Familien zur Seite. Häufig bleiben sie bis zur Beerdigung im Hospiz und kehren auch am Jahrestag des Heimganges ihrer Lieben immer wieder in die Einrichtung zurück.

Anerkennungspreis: NCL-STiftung
„NCL-Forschungspreis“

Neuronal Ceroid Lipofuszinose (NCL) ist eine seltene, genetisch bedingte Stoffwechselkrankheit, die zum langsamen Absterben von Nervenzellen führt. Von NCL sind in Deutschland rund 700 Kinder betroffen; weltweit geht man von 70.000 Fällen aus. Die tödlich verlaufende und weitgehend unbekannte Krankheit wird in der Regel erst nach zwei bis vier Jahren richtig diagnostiziert und auch als Kinderdemenz bezeichnet, da ihr Verlauf mit einem Sehkraftverlust beginnt und später zu einem Stillstand der psychomotorischen Entwicklung, zu epileptischen Krämpfen und einem geistigen und sprachlichen Abbau bis hin zum Kontrollverlust der Körperfunktionen führt. Kaum einer der jungen Patienten erlebt sein 30. Lebensjahr. Die im Jahre 2002 in Hamburg gegründete NCL-Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Betroffenen bis zum Jahr 2025 eine erste Therapie anbieten zu können. Sie klärt nicht nur Augen- und Kinderärzte, Studenten und Schüler über das Krankheitsbild auf. Im Fokus steht die Forschung: Bei der Vergabe von Doktorandenstipendien ist die NCL-Stiftung größer Einzelförderer weltweit.

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